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Kurzgeschichte · Science-Fiction-Satire · ca. 2.700 Wörter

Versprechen

Eine Pflanze, ein Nachbarschaftsbesuch und ein Vertrag, den Roxanne nicht gelesen hat

Roxanne fühlt sich auf einem fremden Planeten eingesperrt und schenkt dem Nachbarn eine Pflanze namens Versprechen. Was sie für eine harmlose Geste hält, ist auf Xuliphr der Beginn eines rechtlich bindenden Vorgangs.

Inhaltshinweis: satirische Darstellung von Rassismus, Sexismus, kolonialer Überheblichkeit, Zwang und Scheidung.

Goldene Sternengeometrie über einer dunklen Science-Fiction-Landschaft

„Ich geh jetzt“, sagte Joffrey und war eine Sekunde später schon weg, sodass sie allein auf diesem verdammten Planeten zwischen all diesen seltsamen, behaarten Wesen zurückblieb. Sie nannten sich Xuliphr, genau wie ihre Welt. Was sollte sie davon halten, dass eine außerirdische Rasse denselben Namen trug wie ihr Planet? Roxanne sah sich um. Am Tag zuvor hatte sie alles geputzt, und das Abräumen des Frühstückstisches würde nicht den ganzen Tag in Anspruch nehmen. Sie musste etwas unternehmen, um sich nicht eingeengt zu fühlen. Zu Hause hätte sie sich mit Elsa in einem netten Café getroffen, aber hier gab es solche Orte ebenso wenig wie richtige Nachbarn. Nur Außerirdische.

„Wir müssen uns integrieren“, hatte Joffrey gesagt, doch der hatte gut reden. Er hatte seine Arbeit. Roxanne verstand nicht, warum sie hier zwischen den Fremden wohnen mussten, aber Joffrey hatte gesagt, dass das einen guten Eindruck bei ihm im Job machen würde. Und Roxanne wollte, dass er endlich Karriere machte. Sie hatte noch die Worte ihres Vaters im Ohr: „Aus dem Neger wird nie was.“

Roxanne wischte den Gedanken beiseite und ließ sich in die Polster des roten Sofas im Wohnzimmer sinken. In der Mitte des Tisches vor ihr stand eine einheimische Topfpflanze mit roten Blättern und sonderte ihren eigenartigen Geruch ab. Die Pflanze hatte Joffrey ihr mitgebracht.

Immerhin, er hatte sich Gedanken gemacht. Männer waren ja normalerweise nicht in der Lage, ihren Frauen Blumen mitzubringen, es sei denn, sie hatten ein schlechtes Gewissen. Aber weshalb sollte Joffrey hier auf Xuliphr ein schlechtes Gewissen haben? Die Frauen in seinem Büro sahen alle nicht so gut aus wie Roxanne mit ihren blonden Locken und den genetisch perfekt modellierten blauen Augen. Außerdem hatte er nicht den Schneid, sie zu betrügen. Joffrey wusste, dass er diesen Job nur bekommen hatte, weil sie ihren Vater überredet hatte, seinen Einfluss spielen zu lassen.

Roxanne schloss die Augen und fragte auf ihrem ViPad ihre aktuellen Nachrichten ab. Durch das Implantat war sie überall vernetzt, doch da war nur eine Nachricht von ihrem Mann. Wer sollte ihr hier jenseits der Zivilisation auch sonst schreiben? Elsa war Lichtjahre weit entfernt.

Hallo Schatz, schrieb Joffrey, lass uns heute Abend nochmal über alles reden. Wenn dir mein dunkler Teint für die Kinder nicht gefällt, können wir sie bestimmt gentechnisch bleichen und ihre Intelligenz anheben, wenn dein Vater uns das Geld dafür gibt. Bitte tritt nicht alleine mit unserem Nachbarn in Kontakt. Du könntest missverstanden werden und kulturelle Missverständnisse könnten hier gefährlich sein. Ab morgen haben wir eine Trainerin für kulturelle Integration.

Du kannst mich mal, dachte Roxanne und beendete die ViPad-Session. Sie öffnete die Augen und ihr Blick fiel wieder auf die Pflanze: „Versprechen“. Pflanzen hatten hier alle einen komischen Namen, andere hießen „Herausforderung“ oder „Frieden“.

Joffrey hatte dazu gesagt, dass dies sein Versprechen sei, dass sie hier auf Xuliphr ganz groß durchstarten würden. Damit war Roxanne einverstanden. Ein bisschen mehr Ehrgeiz tat ihm gut.

Aber hier dumm rumsitzen würde sie nicht. Roxanne nahm „Versprechen“ unter den Arm und ging zur Tür. Sie konnte den Geruch der Pflanze nicht mehr ertragen und ging auf die Straße, wo sie die eklig stinkende Luft einatmete, die noch penetranter roch als diese.

Roxanne wäre nicht Roxanne gewesen, wenn sie sich von der Situation einfach so hätte verunsichern lassen. Sie beschloss, sich bei den Nachbarn einzuschmeicheln.

Die Xuliphr waren zweigeschlechtlich, so wie die Menschen. Die Xuliphrmänner hatten zumeist mehrere Frauen in ihrem sogenannten Harem, so nannte man das wirklich. Roxanne schüttelte sich voller Abscheu.

Bis zum nächsten Haus war es nicht weit. Dort lebte ein älterer Xuliphr mit einem für menschliche Augen fast angenehmen Gesicht. Die meisten Xuliphr hatten eher Fratzen, aber dieser war Roxanne menschlicher vorgekommen.

Roxanne klingelte an der Tür. Ein tiefer Ton erklang. Einundzwanzig, zweiundzwanzig. Nichts geschah. Sie wartete. Sie trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Geduld war nicht ihre Stärke. Als sie gerade wieder gehen wollte, öffnete sich die Tür. Da stand er vor ihr, höchstpersönlich.

„Ah“, sagte der Xuliphr, „sei gegrüßt, angesehene Erdenfrau.“ Er sprach die Kolonialsprache flüssig, auch wenn es ein bisschen gestelzt klang.

„Du sprechen unsere Sprache?“, fragte Roxanne. Man durfte die Fremden nicht mit einem komplizierten Satzbau verwirren.

„Ja, ich denke schon. Was führt Sie an meine Tür?“ Er musterte interessiert die Blume, die sie in der Hand hielt. Sie konnte ein leichtes Flattern seiner Nasenritzen erkennen. Im einen Moment war sie noch fasziniert, im nächsten lief es ihr kalt den Rücken runter.

Roxanne schluckte und hielt ihm die Blume hin. „Ich wollte ein Geschenk vorbeibringen, damit wir uns besser kennenlernen.“

Der Xuliphr trat einen Schritt zurück und kratzte sich in einer sehr menschlichen Geste am Kopf. „Kennenlernen? Das ist ein interessantes Ansinnen. Aber Sie wissen, was Sie mir da schenken wollen?“

„Versprechen“, entgegnete sie wie aus der Pistole geschossen.

„Damit überraschen Sie mich jetzt wirklich, also natürlich im positiven Sinne. Ich weiß nicht, ob das dem Buch entspricht. Haben Sie nicht auch einen Mann, auch wenn er noch jung zu sein scheint?“

„Wem sagen Sie das“, entgegnete Roxanne.

„Also ist er eher ein Prä-Mann, wie wir es ausdrücken würden?“, fragte der Xuliphr eindringlich.

Roxanne nickte, besann sich aber dann darauf, dass der Xuliphr so eine Geste gar nicht verstehen konnte. „Ja, so ist es, wir haben noch keine Kinder und in den kommenden drei Jahren können wir auch keine bekommen. Das kann Joffrey nämlich nicht.“ Sie hielt ihm die Pflanze erneut hin, aber er machte noch einen Schritt rückwärts. „Dann muss ich über Ihr Ansinnen neu nachdenken. Unsere Früchte passen nicht zusammen.“

Was für einen Quatsch redet der da, dachte Roxanne und ging ihm einfach hinterher. So betrat sie zum ersten Mal das Heim eines Xuliphr. Es sollte nicht das letzte Mal sein.

„Ich dachte bisher, dein Begleiter ist ein, ihr sagt ‚Mann‘“, merkte der Xuliphr an.

„Ja, natürlich.“ Diese Fremden waren ganz schön drollig.

„Und trotzdem bringst du mir ein ‚Versprechen‘.“

„Nein, ich will nichts versprechen, das ist doch nur eine Geste.“ Sie war langsam leicht genervt.

„Eine Geste, ja, natürlich. Ich fühle mich geehrt. Aber was sagt dein ‚Mann‘ dazu?“

„Was soll der schon dazu sagen. Bei uns ist das so Sitte, wenn man an einen neuen Ort kommt, dass man den Nachbarn etwas gibt.“

„Ja, ich verstehe, aber sowas, ein ‚Versprechen‘?“

„Und?“, hakte sie ungeduldig nach.

„Ich werde meine älteste Frau fragen, was sie dazu meint. Sie hat am ‚Buch‘ mitgearbeitet.“ Dem ‚Buch‘? Vermutlich gab es hier irgendeine voraufgeklärte Religion, die sagte: Nimm keine Geschenke von Frauen von anderen Welten an, oder so. Roxanne musste an Pfarrer Jenkins von der gleichgerichteten Kirche denken. Dieser hatte sie vor ihrem Abflug noch vor den Gefahren für ihre Seele gewarnt.

„Wo kann ich sie hinstellen, ich meine die Blume?“ Langsam wurde der Topf schwer. „Sie können das Geschenk schon annehmen.“ Roxanne trat einen weiteren Schritt vor.

Er wich noch weiter zurück. „Stellen Sie das ‚Versprechen‘ erstmal auf den Boden.“ Hastig drehte er sich um und ließ sie stehen. Roxanne stellte die Pflanze auf den Boden und atmete erleichtert auf. Ihr Blick heftete sich an den Durchgang, durch den der Xuliphr verschwunden war. Von dort strömte ihr ein angenehmer Geruch von Mango entgegen.

Roxanne nutzte die Gelegenheit, um ihre Nachrichten auf dem ViPad zu checken. Wieder hatte ihr nur Joffrey geschrieben, der ankündigte, zum Abendbrot die Kulturtrainerin mitzubringen. Warum erwähnte er die so häufig? Ob sie hübsch war? Jetzt brachte er sie auch noch einfach mit nach Hause, ohne vorher zu fragen.

„Sind Sie sicher?“, riss der Xuliphr sie aus ihren Gedanken. „Ich möchte Ihren ‚Mann‘ nicht beleidigen. Meine älteste Frau sagt, dass in Ihrer Kultur auch ‚Prä-Männer‘ schon Ansprüche auf Frauen erheben.“

„Was? Natürlich bin ich sicher. Ich meine, absolut. Mein ‚Prä-Mann‘ wird nichts dagegen haben.“ Wogegen auch immer, fügte sie in Gedanken hinzu und kappte die Verbindung ihres ViPads zum Netz.

„Ich habe dabei kein gutes Gefühl, ‚Versprechen‘ von Ihnen anzunehmen“, stellte der Xuliphr fest. „Meine älteste Frau macht sich Gedanken, ob das alles so gehen kann. Wir wollen keinen Ärger mit Ihrem Botschafter. Und wir sind hier ja auf dem Territorium der Erde. Das ‚Buch‘ hat hier volle Gültigkeit.“

Roxanne wurde langsam wütend, schon wieder dieses ominöse ‚Buch‘. „Natürlich geht das.“

„Also gut“, sagte er. „Ich nehme das ‚Versprechen‘ an. Wir werden in den kommenden Tagen viel zu bereden haben, schließlich ist das eine ganz neue Situation. Aber erstmal möchte ich mit Ihnen einen Tee aus den Blättern trinken.“

Roxanne atmete erleichtert auf. Geschafft! Er wollte zum gemütlichen Teil übergehen.

Sie gingen in den hinteren Raum, wo auch seine älteste Frau, die offensichtlich nicht besonders alt war, saß. Diese bereitete ihnen aus den Blättern von ‚Versprechen‘ einen Tee.

„Und wie gefällt es dir hier auf Xuliphr, ehrbare Frau?“, fragte die Frau.

„Nun, ganz gut. Aber bei uns zuhause gibt es sowas nicht: Jeder Mann hat nur eine Frau. Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

„Aber meine Frauen sind freiwillig bei mir. Es ist eine Ehre, dass sie mich gewählt haben. Ich musste schon welche ablehnen“, erklärte der Xuliphr.

„Das ist einfach unethisch.“ Roxanne hatte die Worte von Pfarrer Jenkins im Ohr.

Dabei beließen sie es und tranken ihren Tee schweigend. Schließlich verabschiedete Roxanne sich. Sie hatte es eilig, nach Hause zu kommen. Joffrey hatte ja Besuch angekündigt: eine fremde Frau in ihrem Revier.

Als sie die Trainerin eine Stunde später sah, wurde sie wütend, denn die Frau war ausgesprochen hübsch: lange Beine und rote Haare, wie eine Hexe. Verdammt, Joffrey betrog sie. Das erklärte, dass er ihr eine Pflanze mitgebracht hatte.

Er begrüßte sie mit der Miene eines Unschuldsengels. „Hallo Schatz, wie war dein Tag?“ Seine Stimme klang warm und einschmeichelnd, schlechtes Gewissen, eindeutig!

„Was?“ Roxanne besann sich eines Besseren. „Wie schön, dass du Besuch mitgebracht hast“, säuselte sie.

„Das ist Frau Angelica. Sie wird morgen die Kultureinweisung mit uns machen.“

„Kultureinweisung? Oh, ja klar.“

Die beiden Frauen begrüßten sich, dabei taxierten sie sich mit Blicken. Bevor sie in belangloses Plaudern abgleiten konnten, sah Joffrey sich in dem Raum um. „Wo ist denn die Pflanze, die ich …“

„Dieses stinkende Etwas, das habe ich unserem Nachbarn geschenkt.“ Da war keine Überraschung in seinen Augen, eher Resignation. Wusste er, dass sie ihn und sein schlechtes Gewissen durchschaut hatte? „Ich dachte, das ist eine gute Idee, um gleich ein gutes nachbarliches Verhältnis …“

„Riskant“, murmelte die Trainerin.

„Bitte?“ Roxanne drehte sich wie eine Furie zu der Frau um.

„Sowas ist riskant. Blumen haben hier auf Xuliphr eine besondere Bedeutung, auch rechtlich. Was für eine Blume war das denn?“

„Rechtlich, dass ich nicht lache. Die lokalen Gebräuche haben für uns doch keine Bewandtnis! Das habe ich gelesen.“ Genau genommen hatte ihre Freundin Elsa ihr das vorgelesen, bevor sie die Erde verlassen hatte.

„Es war so eine Blume mit roten Blättern“, mischte Joffrey sich ein.

Frau Angelica hob eine Augenbraue. „Und wie gefällt es Ihnen hier?“ Roxanne entdeckte ein Zucken an ihrer Unterlippe.

„Nun, jedenfalls finde ich es nicht gut, dass die Frauen hier in einem ‚Harem‘ gehalten werden.“

„Wissen Sie, ‚Harem‘ ist auch eine schlechte Übersetzung. Sie haben sich nicht allzu tiefgreifend über die Xuliphr informiert, bevor Sie hierher gekommen sind, oder?“

Das war eine Beleidigung. „Sie …“

„Wissen Sie, das sollte kein Vorwurf sein, aber die Xuliphr sind halt in ihrem Leben beides, zuerst Frauen, dann Männer. Und in ihrer ehrbaren Zeit, das bedeutet übrigens fruchtbar, leben sie in dem sogenannten Harem, bei einem zeugungsfähigen Mann. Nicht alle Xuliphr erreichen die männliche Ehrbarkeit, deshalb werden sie besonders verehrt.“

„Oh“, entgegnete Roxanne, „dann habe ich unserem Nachbarn wohl zu Unrecht Vorwürfe gemacht.“

„Und was war das nun für eine Blume?“, fragte die Trainerin.

„Der Verkäufer nannte sie ‚Versprechen‘“, sagte Joffrey.

Die Kulturtrainerin schaute Roxanne ernst an. „Haben Sie einen Tee davon angeboten bekommen und davon getrunken?“

„Ja, war das schlimm?“ Roxanne kam sich vor wie ein Kind, das von den falschen Bonbons genascht hatte.

„Warten Sie“, sagte die Trainerin und schloss die Augen. „Ich muss kurz etwas nachprüfen.“

„Was hast du nur schon wieder angestellt?“, fragte Joffrey.

„Ich?“ Roxanne sprach das I sehr gedehnt aus. Er ließ sie hier sitzen, betrog sie mit dieser Frau, und sie sollte etwas angestellt haben?

„Okay, so machen wir es“, sagte die Trainerin, nachdem sie ihre Augen wieder geöffnet hatte.

„So machen wir was?“, fragte Joffrey.

„Mein Assistent bringt die Scheidungspapiere von Ihnen beiden gleich vorbei und dann …“

„Scheidungspapiere?“, riefen Joffrey und Roxanne nahezu einstimmig.

„Ja, so ist die Rechtsauffassung. Um in einen Xuliphr-Harem zu gehen, müssen Sie von Ihrem Mann erstmal geschieden sein. Das gibt eine gute Publicity, eine Menschenfrau, die in einen Xuliphr-Harem geht, um eine ehrbare Frau zu werden. Das ist doch mal was.“

„Moment mal, ich gehe doch nicht …“

„Sie haben keine andere Wahl. Sie haben einen Vertrag durch das ‚Versprechen‘ geschlossen, so steht es in dem Gesetzestext, den die Xuliphr ‚Buch‘ nennen. Sie haben den Tee getrunken, also ist der Vertrag rechtskräftig.“

„Aber es muss doch einen Ausweg geben?“

Die Trainerin schüttelte den Kopf und wandte sich an Joffrey: „Wissen Sie, nun, da Sie bald geschieden sind, nehme ich Ihr Angebot übermorgen zum Abendessen an. Ich liebe Eis mit heißen Himbeeren.“

— Ende —

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