Kurzgeschichte · Satire · ca. 1.250 Wörter
Wenn Tiere sprechen können und Einhörner am Montag tanzen
Eine Kneipe im spiegelverkehrten Paralleluniversum
Alex H. Levin
Ein Quanteneffekt macht eine Kneipe aus einem spiegelverkehrten Paralleluniversum von unserer Welt aus betretbar. Dort reden die Tiere — sie fabulieren, kreischen, singen und schimpfen. Nur die Speisekarte hat drei Gerichte, und alle drei sind ein Problem.
Inhaltshinweis: schwarzer Humor, sexuelle Anspielungen, Gewalt gegen (sprechende) Tiere.
In der Stadt, in der ich wohne, und ich sage euch nicht, welche das ist, gibt es eine Kneipe, die anders ist als all die anderen, die ihr so kennt. Die Beschriftungen auf den Flaschen sind spiegelverkehrt und die Uhren laufen entgegen dem Uhrzeigersinn. Doch das ist nicht das wirklich Besondere an dieser Kneipe.
Aber vielleicht fange ich nochmal von vorne an: Habt ihr euch jemals gefragt, wie es wäre, wenn Tiere sprechen könnten und wohin das führt.
In dieser Kneipe, die ihr hoffentlich beim Lesen nicht aus dem Blick verloren habt, ist das der Fall. Sie stand in einem spiegelverkehrten Paralleluniversum, und durch einen seltsamen Quanteneffekt, konnte man sie von unserer Welt aus betreten. So hatte es mir Cornelius erklärt, auf den ich später zu sprechen komme.
An diesem Ort tummelten sich Besucher aus beiden Welten und man kam sich vor, wie in einem Disney-Film. Hier konnten die Tiere nicht nur sprechen, sondern dazu fabulieren, kreischen, singen und schimpfen. Alle Tiere? Nein, nicht die Spinnentiere und Insekten, das wäre doch zu seltsam gewesen.
Mich verschlug es früher häufiger dort hin, wegen der tanzenden Einhörner und wenn ich genug von dem zerstörerischen Egoismus unserer Welt hatte, aber in erster Linie wegen eines weiblichen Wesens, wie das bei Männern meines Alters so ist.
An einem Montag betrat ich den Schankraum und hörte Gezeter aus der Ecke. Nach ein paar Schritten in die Richtung sah ich eine Maus in der Mausefalle ausbluten. Im ersten Moment fand ich das gar nicht so schlimm, denn die kleinen Nager waren nicht meine Lieblingsgeschöpfe.
Es war auch nicht die verreckende Maus, die zeterte, sondern die andere daneben. „Ich habe dir immer gesagt, sei nicht so gierig. Wenn du in der Küche klaust wird er es irgendwann merken und dir eine Falle stellen. Holger liebt dich nicht. Aber du willst ja nicht auf mich hören. Du hörst ja nie auf mich.“
Ich schüttelte die Irritation ab und nahm an einem Tisch nicht weit weg vom Tresen Platz und ließ mir meine gute Laune nicht verderben. Andere Welten, andere Sitten.
Holger, der Wirt, kam zu mir, und ich bestellte ein Chilibier. „Vielleicht esse ich heute auch noch was.“
„Gut,“ entgegnete er. „Speisekarte kommt.“
Um seine Füße schlich eine graue Katze, die er Schrödinger nannte und die eine Neigung zur Depression hatte, sagte man. Ich war an jenem Tag dankbar, dass sie nicht bei mir blieb, um über Quantenzustände zu philosophieren. Denn ich war aus einem anderen Grund hier und der hatte etwas mit dem rattenscharfen blonden Mädchen zu tun, das mir das Bier und einen Blaubeerschnaps aufs Haus brachte. Das Wort „rattenscharf“ war in diesem Fall nicht wörtlich zu verstehen, sondern nur metaphorisch.
Sie hieß Gretchen und der Wirt hatte sie vor Jahren aus den Klauen einer Steuereintreiberin befreit. Ihre blauen Augen und Rundungen hatten es mir angetan, also war ich wohl in sie verliebt.
Mit ihr kam das Schwein Cornelius, das eher ein Hybrid aus Borstenvieh und Mensch war und auf zwei Beinen durch den Raum tänzelte. Es brachte die Speisekarte und fügte verbal hinzu: „Vom Schweinebraten rate ich ab!“
Ich hielt das damals für einen Scherz, denn ich war jung und noch unerfahren im Weltenhopping.
„Ich überleg mir das noch“, erwiderte ich, da ich deftige Kost liebte. Aber möglicherweise war das nicht die beste Idee und mein Geld war besser in Chilibier und Blaubeerschnaps angelegt. An diesem Ort gab es übrigens keine Kartenzahlung.
Ich schaute in die Speisekarte, darin standen drei Gerichte: der besagte Braten vom Schwein, Bibersteak und Leguanschenkel, alles mit Kartoffeln und Brokkoli.
Cornelius und Gretchen setzten sich zu mir. Das Schwein war ein guter Zuhörer, wenn man Sorgen hatte, und ein guter Gesprächspartner, wenn es um das Leben und viele sonstige Dinge ging. Und Gretchen war auch nicht auf den Kopf gefallen und bot dazu noch andere Reize.
Ich erzählte von den Unsinnigkeiten meiner Heimat, dem Krieg im Osten, der Korruption von Politikern, die sich am Verkauf von Masken bereicherten, der neuen Begeisterung fürs Händewaschen, Mehl und Klopapier und der Unfähigkeit meiner Mitmenschen sinnvoll Zahlen zu interpretieren und ihre Ängste durch eine evidenzbasierte Risikobetrachtung zu ersetzen.
„Euch fehlen die Tiere und ihre Weisheit“, stellte Cornelius fest, „der gesunde Ausgleich für euren menschlichen Egozentrismus. So ist das hier bei uns jedenfalls.“
„Ich könnte mir eine Welt ohne Tiere nicht vorstellen“, ergänzte Gretchen.
„Wir haben schon Tiere.“
„Aber ihr sperrt sie in Ställe und Käfige.“
Vielleicht würde es ihr in meiner Welt doch nicht so gut gefallen. Der Gedanke beunruhigte mich ein wenig, denn ich hatte Ideen bezüglich unserer Zukunft.
„Hattest du schon mal Sex mit einem Schwein?“, fragte Cornelius und beide schauten mich mit großen Augen an. Der damit verbundene Gedanke beunruhigte mich noch etwas mehr.
„Das ist bei uns nicht üblich. Es ist sogar eher verpönt, würde ich sagen. Man nennt das Sodomie.“
„Wieso So-Dumm, Iii?“ wollte Gretchen wissen.
„Nach der Stadt Sodom.“
„Und in diesem So-Dumm treibt ihr es mit Schweinen?“ Cornelius schenkte mir ein verführerisches Lächeln. „Unsereins ist bei solchen Dingen sehr talentiert.“
„Sodom wurde zerstört und das ist eine alte Geschichte aus einem sehr alten Buch.“
Durch die Bilder in meinem Kopf wurde ich rot im Gesicht.
Wir wechselten das Thema und ich bestellte für uns weitere Getränke. Schwein und Mädchen waren fasziniert, dass die Menschen bei uns auf dem Mond waren. Und ich lernte mehr über die Regierungsform in ihrer Welt, bei dem die Richter, Minister und Ratswesen ausgelost und am Ende ihrer Amtsperiode festlich verspeist wurden.
Ich schaffte es im Verlauf des Abends, immer näher an Gretchen heranzurücken, sagte aber nichts von meinen Ideen, schüchterner Mensch, der ich war, und fühlte mich mit jedem Blaubeerschnaps ein wenig mehr zu ihr hingezogen.
Nach zwei Chilibier und drei Schnäpsen bekam ich mit, dass die nette Dame am Nachbartisch, deren Wollknäuel immer wieder vom Tisch rollte, das Bibersteak bestellte.
Holger packte den Biber, mit dem sie sich über Strickmuster unterhalten hatte, am Nacken und zerrte ihn in die Küche. Kurz darauf hatte sie das Steak mit Süßkartoffeln und Blaubeersoße vor sich stehen.
Ich konnte nicht glauben, dass man hier sprechende Tiere aß, aber Cornelius wollte unbedingt auf Buddy den Biber und seine letzte Reise anstoßen. Das trübte ein wenig meine Stimmung, doch wenigstens saß Gretchen neben mir und ich war schon nahe genug an ihr dran, um ihr Pfefferminzparfum zu erschnuppern. Der Mut, mit ihr über meine Ideen zu sprechen, war aber erstmal verraucht und ich bestellte mehr Getränke.
Da schlurfte ein Braunbär durch den Laden, setzte sich ans Klavier und spielte Songs von Billy Joel, den Beatles und Beethoven. Das Einhorn mit den pinken Strähnen in der Mähne tanzte dazu, worauf die Stimmung bei uns wieder romantischer wurde. Ich legte meine Hand auf Gretchens weichen Oberschenkel und sie stieß sie nicht weg. Das Herz pochte im Dreivierteltakt und in meiner Liebestrunkenheit verdarb mir auch der humpelnde dreibeinige Leguan nicht die Laune.
Nach sechs Bier und fünf Blaubeerschnäpsen setzte ein ziemlicher Hunger ein. Das war bei mir so, wenn ich trank.
„Haben Sie auch etwas, wo kein Tier drin ist?“, fragte ich den Wirt. Der bejahte das und schaute nach meiner Bestellung Gretchen an: „Komm bitte mit.“
Sie wurde bleich und stand ohne ein weiteres Wort auf, was mich ein wenig frustrierte, da meine Hand nun nicht mehr auf ihrem Oberschenkel ruhte.
„Das hatte ich jetzt nicht erwartet,“ sagte Cornelius irritiert und aus der Küche erklang kurz darauf ein Schrei, den ich nie vergessen werde.
„Haben wir dann später Sex?“, fragte das Schwein.
— Ende —
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